{"id":288,"date":"2021-09-04T15:55:22","date_gmt":"2021-09-04T15:55:22","guid":{"rendered":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=288"},"modified":"2021-09-02T16:00:02","modified_gmt":"2021-09-02T16:00:02","slug":"gedanken-falten-novelle-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=288","title":{"rendered":"Gedanken falten (Novelle \/ Leseprobe)"},"content":{"rendered":"\n<p>Er qu\u00e4lt sich durch die in dunklem Blau gestrichene, metallene Gartent\u00fcr hindurch, die den Flugrost in den Scharnieren anzuziehen und erbitterten Widerstand zu leisten scheint. Der \u00fcber Jahre hinweg vernachl\u00e4ssigte kletterrosenlose Rankbogen, der einst das stilvoll naturelle Entr\u00e9e des Grundst\u00fccks f\u00fcr r\u00fcckw\u00e4rtig orientierte G\u00e4ste sein sollte, rahmt ihn ein. B\u00e4renhaft gewichtig tatzt er erdbebend \u00fcber die grau get\u00f6nten, unterschiedlich abgesenkten und teils in Schr\u00e4glage geratenen Waschbetonplatten. Ein trostloser Pfad zwischen den im Sp\u00e4therbst umgegrabenen und traurige Ackerstimmung verbreitenden Beeten, der auf direktem Weg zum Haus f\u00fchrt. Die aufger\u00e4umte Natur l\u00e4sst pedantische Sorgfalt vermuten, den Trieb des ein\u00e4ugigen Kleing\u00e4rtners, dessen Sympathie in seinem kleinen Reich vornehmlich der Landwirtschaft gilt. Das fassende Ambiente und dessen langsamen Zerfall scheint er auszublenden.<br><br>Durch diese gebrochene Ordnung bewegt sich der Mann verdichtenden Schrittes. Fraglos kein Stromz\u00e4hlerableser der st\u00e4dtischen Werke, der erstmals auf dem Dienstgang in diesem Viertel den Hinter- mit dem Haupteingang verwechselt hat und sich gleich nach dem \u00d6ffnen der Hintert\u00fcr daf\u00fcr entschuldigen wird, dass er mit dieser ins Haus f\u00e4llt. Kein neuer Nachbar, der dem Hausbesitzer mit einer spontan geplanten Sympathie-Offensive samt selbst eingekochtem Quittengel\u00e9e eine Horde kleiner Kinder inklusive der erst vor drei Monaten geborenen, v\u00f6llig pflegeleichten Zwillinge und ein die Gr\u00fcnfl\u00e4che ausf\u00fcllendes Gartentrampolin schmackhaft machen will. Auch nicht der Gefrierkostvertreter, der eisigen Fisch oder im Sommer handverlesene und dann schockgefrostete Himbeeren, die nach dem Auftauen garantiert nicht matschig sein werden, es dann aber doch sind, durch die Hintert\u00fcre offerieren wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein schwerer Mann im ebenso schweren dunkelgr\u00fcnen, bis zu den Knien reichenden Ledermantel, weniger Athlet als Koloss. Einer, der den Boden mit seinem schwergewichtigen Auftritt zum Vibrieren bringt. W\u00e4ren da nicht diese seltsam d\u00fcnnen, fast schon grazilen Waden, die man durchs Beinkleid erahnen kann und die nicht zur volumin\u00f6sen Erscheinung passen wollen, m\u00fcsste er im durch und durch feuchten Garten wohl eine erdige Furche hinter sich herziehen und die Gartenplatten begradigen oder in noch st\u00e4rkere Schr\u00e4glage bringen. Die zu bauernhaften Backen aufgepumpten Wangen, in denen sich das blutdurchstr\u00f6mte Rot ganz und gar asymmetrisch verteilt, und das verdoppelte Doppelkinn best\u00e4rken den Verdacht, dass hier jemand nicht allein mit seinen \u00fcberfl\u00fcssigen Pfunden, sondern zudem mit deutlich \u00fcberschrittenen Grenzwerten zu k\u00e4mpfen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Fall f\u00fcr den Arzt orientiert sich zielstrebig in Richtung Terrasse und l\u00e4sst sich auf einem robusten Gartenstuhl aus Teakholz nieder. Die Sitzgelegenheit ist ein Beweis f\u00fcr die Fehleinsch\u00e4tzung des Besitzers die Entwicklung der sp\u00e4twinterlichen Temperaturen und die jahreszeitbedingte Sonnenscheindauer betreffend. Er wurde fraglos zu fr\u00fch aus dem Keller geholt und dies, ohne da\u00df ein Gedanke an den Auftrag einer sch\u00fctzenden Lasur verschwendet worden w\u00e4re. F\u00fcr den Besucher scheint er wie gemacht.<br><br>Mir, der ihn noch nie gesehen hat und ihn verwundert durch das K\u00fcchenfenster anblickt, schenkt er ein zwar m\u00fcdes, aber als durchaus freundlich zu verstehendes L\u00e4cheln, welches sich kurz zum breiten Grinsen eines Tubaspielers ausw\u00e4chst. Er g\u00e4hnt beherzt genussvoll, schaut noch einmal zu mir her\u00fcber, dann zu dem f\u00fcr ihn von der Terrasse aus einsichtbaren Teil des Gartens, in dem sich traurig blattlose und zur eigenen Mitte hin gestutzte Johannisbeerstr\u00e4ucher \u00fcber einen brachen Streifen entlang des alle drei Monate nachgespannten Gartenzauns ducken, dann schl\u00e4ft er ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe wie versteinert hinter gedoppeltem Glas, mit gerade dem Abstand, der mir zumindest ein wenig Gef\u00fchl von Sicherheit geben kann. Bisweilen verirrt sich im Herbst ein Eichh\u00f6rnchen mit seinen lustig spitzen Ohren auf der Suche nach Wintervorrat vor dem Haus und verbreitet gesch\u00e4ftige Nervosit\u00e4t. V\u00f6gel jedweder Gr\u00f6\u00dfe, deren Namen mich nicht interessieren, picken optimistisch und retten sich hysterisch flatternd in die Heckenver\u00e4stelungen, wenn ich ein Fenster oder die T\u00fcre zum Garten \u00f6ffne, obgleich sie mein Desinteresse l\u00e4ngst akzeptiert haben sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es streunen bisweilen die Katzen der nahen und entfernteren Nachbarn \u00fcber das Grundst\u00fcck. Dann miauen und maunzen sie, als habe sich unter ihnen herumgesprochen, dass es bei mir stets einen guten Snack nebenbei geben w\u00fcrde. Doch sie provozieren mit ihrer selbstverliebt wirkenden, geschmeidigen Bewegung, durch mich, die Ungelenke, mit einem geh\u00e4ssigen Dschhhh, Dschhhh in die Flucht geschlagen zu werden. In Sommern\u00e4chten r\u00e4chen sie sich f\u00fcr diese meine kalte Schulter mit spitzem Fauchen oder dem j\u00e4mmerlichen Heulen von Kleinkindern, die in meinem Garten verlassen und verloren durch meinen Garten krabbeln und vergeblich nach Mutters Nippeln, dem Schnuller oder der Hoffnung f\u00fcrs Leben suchen zu scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der eine oder andere Hund hat sich bereits bis vor die wei\u00df gestrichenen Holzfl\u00fcgelt\u00fcren, durch die man direkt ins Wohnzimmer gelangt, gewagt oder gar die feuchte Schnauze ein paar Zentimeter ins Haus hineingeschoben, um dann von einem spitzen Pfiff oder einem herrischen Ruf ferngelenkt genauso rasch wieder zu verschwinden. Ein Fremder hat sich nie auf die Terrasse odermgar ins Haus verirrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar Mann schl\u00e4ft. Zutiefst in sich versunken, das ausgepr\u00e4gte Doppelkinn auf dem rechten, speckig anmutenden Lederkragen aufgesetzt und den gro\u00dfen Kopf in einer dem\u00fctigen Haltung, die man diesem fleischgewordenen Riesen nicht abkaufen will. Seine H\u00e4nde hat er in auffallender Symmetrie auf den Lehnen des Stuhls abgelegt und die Beine im abgezirkelt wirkenden 90-Grad-Winkel aufgestellt. Ein statisches Experiment k\u00f6nnte jetzt durchaus reizvoll sein, tempor\u00e4re K\u00f6rperstarre vorausgesetzt. Einfach den Stuhl nach hinten ziehen und erleben was passiert. Da sitzt er. Eine Skulptur auf Teak. Der Mann atmet ruhig. So ruhig, da\u00df er die komat\u00f6se Gewissheit verbreitet, ein Weckversuch m\u00fcsse zum Scheitern verurteilt sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Bitte verlassen sie umgehend mein Grundst\u00fcck, k\u00f6nnte ich mit herrischem Unterton fordern. Bitte gehen sie, ansonsten bin ich gezwungen, die Ordnungsh\u00fcter zu verst\u00e4ndigen, w\u00fcrde ich der Dringlichkeit meines Anliegens mit h\u00f6flicher Souver\u00e4nit\u00e4t Nachdruck verleihen k\u00f6nnen. Dies ist mein Haus, ich genie\u00dfe hier meinen Frieden, den sie gerade brechen, k\u00f6nnte ich mit zitternder Stimme hinzuf\u00fcgen. All das wird ihn nicht k\u00fcmmern. Ich vermute es nicht nur, ich wei\u00df es. Der Ersch\u00f6pfte ist dem Tode f\u00fchlbar n\u00e4her als dem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollte ich ihm einen starken Mokka unter die Nase halten? Oder doch lieber einen Schnaps? Den m\u00fcsste ich erst kaufen. Vorne im kleinen Laden, zwei Querstra\u00dfen entfernt, bei Tante Emma, die jetzt Onkel B\u00fclent ist. Der sieht so aus, als habe er sich seinen schwarzen Schnurrbart angeklebt. Daf\u00fcr ist er weniger launisch als Emma, die sich an schlechten Tagen beharrlich weigerte, die Wurst d\u00fcnner zu schneiden oder gro\u00dfe Geldscheine anzunehmen. Und er hat vor vielen Jahren abendliche Ladenschlusszeiten, die von gro\u00dfen Superm\u00e4rkten erst deutlich sp\u00e4ter eingef\u00fchrt wurden, bereits vorweggenommen. So, als langweile ihn das heimische Leben nach der Abrechnung. Hinter dem Tresen ist seine Welt und zwischen den Salat- und Tomatenkisten. Hinten im Nebenraum, der zugleich Lager und B\u00fcro ist, rollt er den kleinen Teppich aus und betet in<\/p>\n\n\n\n<p>Richtung Mekka und Keller, dankbar, aber niemals g\u00e4nzlich versunken. Wenn er seinen Teppich wieder pfleglich zusammengerollt hat, versorgt er seine Kunden auch mit Hochprozentigem. Jedem sein Leben und seine Leber scheint er zu denken und l\u00e4chelt nachsichtig, soweit das hinter dem Klischee eines Bartes zu erkennen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann schl\u00e4ft. Geradezu meditativ in sich ruhend mit der entfremdeten Gelassenheit des Esoterikers, so ersch\u00f6pft, dass er nur im ausw\u00e4rtigen Schlaf den Weg zur eigenen inneren Mitte antreten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo auch immer der zentrale und goldene Schnittpunkt im menschlichen K\u00f6rper liegen mag. Meine Mutter w\u00fcrde mit zarter Geste auf ihr Sonnengeflecht deuten, mein Vater seine Hand breitfl\u00e4chig auf den Bauch zwischen Herz und Leber legen, den Druck leicht erh\u00f6hen, um der Milz ein wenig n\u00e4her zu sein und tief durchatmen. Ich w\u00fcrde mir mit zwei Zeigefingern \u00fcber die Stirn streifen und die Falten nachzeichnen. Dieser Mann da drau\u00dfen hat seine Mitte am Arsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kann ihn zu mir in den Garten gef\u00fchrt, ihn gen\u00f6tigt haben, vom r\u00fcckseitigen Weg durch das wie meist unverschlossene Tor ausgerechnet auf mein Grundst\u00fcck einzubiegen? Mir ist unwohl beim Gedanken, einen mir Unbekannten nur durch die Mauer und Doppelglas getrennt auf meiner Terrasse sitzen zu wissen, und das ist noch stark untertrieben. Ich sp\u00fcre Panik in mir aufsteigen, eine vibrierende Hilflosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Moment wird er aufwachen, mit zur\u00fcckgewonnener Energie und gerade noch vom Schlaf verh\u00fcllter Aggression die T\u00fcr eintreten, mit seinen klobigen Stiefeln, die nicht solche eines fr\u00f6hlich pfeifenden Wandersmannes sind. Dick und profiliert besohlte Tottreter, schweres Schuhwerk f\u00fcr b\u00f6se Menschen. Ich h\u00f6re Holz bersten, sehe Glas splittern und Regale fallen, geliebte Ordnung in Aufl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruhig Blut, denke ich. Noch riechst du seine skrupellose B\u00f6sartigkeit nicht, seinen kriminellen Schwei\u00df. Da ist das Mauerwerk vor. Bereits ein Fenster in Kippstellung w\u00fcrde mich erzittern lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann schl\u00e4ft. Selbst die Spatzen tanzen furchtlos auf den Holzplanken vor ihm herum, als habe ein Spediteur die j\u00fcngst erworbene Skulptur des schweren Schlafenden auf der Terrasse f\u00fcr immer und ewig auf diesem Platz abgestellt. Der sichtbare Atem des Ledermannes scheint die \u00fcbernerv\u00f6sen Piepm\u00e4tze nicht zu st\u00f6ren. Strahlt der Mann vielleicht doch so etwas wiemW\u00e4rme oder gar Freundlichkeit aus? Oder sp\u00fcren sie eine ihn l\u00e4hmende Unterk\u00fchlung, die ihn wie ein Insekt beim ersten harten Frost an der Stelle h\u00e4lt?  &gt;&gt;&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Novelle \u201eGedanken falten\u201c verirrt sich ein von den Einschl\u00e4gen des Lebens<br \/>\ngezeichneter und aller Kr\u00e4fte beraubter B\u00e4r von einem Mann in einen fremden<br \/>\nGarten und schl\u00e4ft dort auf der Terrasse ein. Die Bewohnerin des Hauses, von<br \/>\nPsychosen und \u00fcberzogenen Erwartungshaltungen an sich selbst getrieben, spiegelt<br \/>\nihre \u00c4ngste und ihr tiefstes Verlangen im ungebetenen Besucher. Doch mit dem<br \/>\nErwachen wird alles anders. In einer Welt der Missverst\u00e4ndnisse treffen zwei<br \/>\nverlorene Seelen aufeinander, die sich gegenseitig durchleuchten, in die Untiefen<br \/>\ndes jeweils anderen eindringen und an einem grauen Sp\u00e4twinter-Nachmittag ein<br \/>\nOrigami der Gedanken und Dialoge falten, das sie zur Quelle der eigenen<br \/>\nLebenskraft f\u00fchren wird. Nennen wir es Zufall oder doch Schicksal? Diese Frage<br \/>\nbeantwortet \u201eGedanken falten\u201c wie von selbst.<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/udoeberl.com\/?p=288\">Lesen Sie weiter<span class=\"screen-reader-text\">Gedanken falten (Novelle \/ Leseprobe)<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[78,77],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288"}],"collection":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=288"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":289,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288\/revisions\/289"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}