{"id":267,"date":"2020-09-03T20:23:42","date_gmt":"2020-09-03T20:23:42","guid":{"rendered":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=267"},"modified":"2020-09-03T20:23:42","modified_gmt":"2020-09-03T20:23:42","slug":"vom-finden-und-ueberwinden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=267","title":{"rendered":"Vom Finden und \u00dcberwinden"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" width=\"733\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/udoeberl.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bildschirmfoto-2020-09-03-um-22.17.51-733x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-268\" srcset=\"http:\/\/udoeberl.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bildschirmfoto-2020-09-03-um-22.17.51-733x1024.png 733w, http:\/\/udoeberl.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bildschirmfoto-2020-09-03-um-22.17.51-215x300.png 215w, http:\/\/udoeberl.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bildschirmfoto-2020-09-03-um-22.17.51-768x1073.png 768w, http:\/\/udoeberl.com\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bildschirmfoto-2020-09-03-um-22.17.51.png 810w\" sizes=\"(max-width: 733px) 100vw, 733px\" \/><figcaption>Sophie Hunger in Spiellaune fotografiert von Nadia Tarra.  <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Interview mit Sophie Hunger zum Album &#8222;Halluzinationen&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die in Berlin lebende Schweizer Musikerin Sophie Hunger z\u00e4hlt seit vielen Jahren zu den international spannendsten Songwriterinnen, da sie sich stets neu erfindet und entdeckt. W\u00e4hrend auf dem letzten Album \u201eMolecules\u201c analoge Synthesizer eine wichtige Rolle spielten, ist sie auf dem neuen Album \u201eHalluzinationen\u201c in der perfekten Balance zwischen der Folks\u00e4ngerin und der von anspruchsvollen Indie- und Elektronik-Sounds Bewegten angekommen. <br> Im Ferngespr\u00e4ch vermittelt sie auch diese Gelassenheit der Zufriedenen, lacht sehr vIel und befreit. Das ist nicht die st\u00e4ndig alles hinterfragende Sophie Hunger, die auch das d\u00fcnnste Haar in der intellektuellen Suppe sucht. Das Erz\u00e4hlen vom Prozess auf dem Weg zum Album und der Zeit im Studio ist eine gl\u00fcckliche R\u00fcckschau, denn die Aufnahmen im legend\u00e4ren Londoner Abbey Road-Studio fanden bereits im Sommer des vergangenen Jahres statt. Wegen Corona verz\u00f6gerte sich die Ver\u00f6ffentlichung, und Tourpl\u00e4ne mussten auf Halde gelegt werden. Den Frust \u00fcber die aktuelle Situation l\u00e4sst sich die S\u00e4ngerin kaum anmerken. Als Komponistin von Filmmusik ist sie immer gefragt, die h\u00f6chst sympathische und ge\u00f6ffnete Weltfrau.\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br> <em>Das neue Album wurde im Studio an einem St\u00fcck eingespielt. Was macht das anders?<\/em><br> SOPHIE HUNGER: Zun\u00e4chst stellte ich die Band aus gro\u00dfartigen Musikern und fr\u00fcheren Weggef\u00e4hrten zusammen, dann probten wir in London f\u00fcnf Tage die in meinem kleinen Kreuzberger K\u00fcchen-Studio entstandenen Demo-Aufnahmen ein und spielten die Songs im Windmill, einem Londoner Liveclub, einmalig auch vor Publikum. <br> <br><em>Was war bei den zweit\u00e4gigen Aufnahmen im Studio so ungew\u00f6hnlich? \u00a0 <\/em><br>SOPHIE HUNGER: Es gab nachtr\u00e4glich keinerlei Korrekturen am Aufnahmematerial. Volles Risiko. Wir haben die Vorteile eines Studios und die sonst \u00fcbliche T\u00fcftelei nach dem Aufnahmeprozess, durch unseren Plan sozusagen bewusst ad absurdum gef\u00fchrt.\u00a0Ich musste mich auf meine f\u00fcnf Mitmusiker also absolut verlassen k\u00f6nnen. Da war ein hohes Ma\u00df an Konzentration gefragt. Vor jedem der sechs Durchg\u00e4nge reichten wir uns im Kreis zusammenstehend die H\u00e4nde wie Fu\u00dfballer in der Champions League, mit unserem Schlachtruf \u201eFocus and Compassion\u201c auf den Lippen. Also: Konzentration und Mitgef\u00fchl. Dann ging es hinein in den Tunnel.\u00a0\u00a0<br> <br><em>Haben Sie bewusst das legend\u00e4re Abbey Road Studio f\u00fcr diese Aufnahmen gew\u00e4hlt?<\/em>\u00a0<br>SOPHIE HUNGER: Wenn wir uns selbst schon so viele Steine in den Weg legten und so viel Druck machten, sollte das im besten Studio passieren, das wir kennen. Das Studio 2 bot die passende Atmosph\u00e4re \u2013 und viel Raum, beste Technik und das Wissen, dass hier auch die Beatles all ihre Alben aufgenommen haben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Warum haben Sie das St\u00fcck \u201eLiquid Air\u201c als Opener f\u00fcr das Album ausgew\u00e4hlt?<\/em><br>SOPHIE HUNGER: Mir war schon weit vor den Aufnahmen klar, dass \u201eLiquid Air\u201c die fl\u00fcssige Pforte f\u00fcr das Album sein w\u00fcrde. Wie durch ein Hologramm begibt man sich auf den Weg von der faktischen in eine imagin\u00e4re Welt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hinein in ein Album, auf dem Sie nicht nur Englisch, sondern auch wieder in Deutsch singen.<\/em><br>SOPHIE HUNGER: Das passiert meist sehr intuitiv, und nicht nur, um der anglophonen Popkultur die Stirn zu bieten. Das liegt an den Gedankenfetzen und Worten, die man mit sich herumtr\u00e4gt und knetet. Das Wort Halluzination beispielsweise f\u00fchlt sich im Mund so sch\u00f6n an, wenn man es auf Deutsch ausspricht.\u00a0Es spricht sich ein wenig schwierig, verspricht aber Zauberei.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Song \u201eMaria Magdalena\u201c f\u00fchlen Sie sich in eine Berliner Prostituierte hinein, die in der N\u00e4he Ihrer Wohnung arbeitet. In \u201eLiquid Air\u201c besuchen Sie mit den H\u00f6rern eine illegale Austernbar. Spiegeln Sie in den St\u00fccken Ihr Leben?<\/em><br>SOPHIE HUNGER: Ich werde immer extrem von dem beeinflusst, das mich umgibt. Ich war ein paar Wochen in Z\u00fcrich und habe dort nach vielen Jahren meine alten Alliierten getroffen. Wie fr\u00fcher sa\u00dfen wir mit der akustischen Gitarre am Z\u00fcrisee. Danach entstanden in den folgenden Wochen schweizerdeutsche Folksongs, wie auf meinem ersten Album.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die beiden St\u00fccke \u201eRote Beeten aus Arsen\u201c und \u201eEverything is Good\u201c sind in der Mitte des Albums ein Epizentrum der Zerrissenheit \u2013 eine Anklage und ein Feel-Good-Song.\u00a0<\/em><br>SOPHIE HUNGER: Es sind Bilder von zwei oppositionellen Wesensz\u00fcgen. Auf der einen Seite die deutsche Frau, die ich in \u201eRote Beeten\u201c besinge und die von der Vernunft und dem blinden Glauben an das Rationale geleitet ist und bisweilen Entscheidungen mit einem k\u00fchlen Herzen trifft. Daneben gibt es aber auch die lateinische Kultur der Westschweiz, bei der es immer um W\u00e4rme und Sinnlichkeit mit einem Hang zum irrationalen Handeln geht. Das hat mich besch\u00e4ftigt, denn es sind die beiden Gewalten in mir, die oftmals miteinander k\u00e4mpfen.\u00a0<br><br><em>Was bewegt Sie in \u201eFinde mich\u201c?<\/em><br>SOPHIE HUNGER: Es geht hier zwar vordergr\u00fcndig um die Helvetia, eine Frau, die f\u00fcr die Eidgenossenschaft steht, aber vor allem um die Kraft der Frauen. Der nationale Frauenstreik in der Schweiz im vergangenen Jahr war f\u00fcr mich ein Schl\u00fcsselerlebnis und hat sehr viel in mir ausgel\u00f6st. So viele tausende Frauen zu sehen, das war visuell \u00fcberw\u00e4ltigend. Die Vorstellung, was wir alles ver\u00e4ndern k\u00f6nnten, wenn wir Frauen zusammenstehen w\u00fcrden, l\u00e4sst mich seither nicht mehr los. Wir m\u00fcssten uns nur finden wollen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie emanzipieren sich immer mehr auch als Gitarristin.<\/em><br>SOPHIE HUNGER: Ich glaube, ich habe einen ganz eigenen Stil. Diese kraftstrotzenden, selbstherrlichen Soli, die vor lauter Klischees tropfen, fand ich schon immer ein bisschen albern. Soli sind ja im Grunde genommen organisierte Prahlerei, oder nicht? Der Vorwurf des Machismo wird gerade beim inbr\u00fcnstigen E-Gitarren-Solo sehr greifbar.\u00a0Darum versuche ich das, wenn ich an der Gitarre soliere, ein bisschen zu karikieren. Bei \u201eAlpha Venom\u201d,\u00a0in dem es um das Gift der Alpha-Kultur geht, ist das durchaus auch ein Kommentar auf\u2019s Patriarchat. Aber das Solo an sich soll nat\u00fcrlich viel cooler sein, als alle M\u00e4nner-Soli. Den Anspruch am Ende zu gewinnen, habe ich durchaus.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie wichtig war Ihnen der Zusammenhang zwischen der Einsamkeit und Imagination?<br><\/em>SOPHIE HUNGER: Wenn ich an einem Album arbeite, dann bewege ich mich durch all diese Halluzinationen, kaleidoskopischen Visionen und meine ganz eigenen Seifenblasen, bin abgeschottet in meiner eigenen Welt und besch\u00e4ftige mich auch mit der Fremden in mir. Vielleicht muss man den Teufel erst an die Wand malen, um sich von ihm befreien und ihn verbannen zu k\u00f6nnen. Mir gelingt das bisweilen in meinen Liedern. Die letzte Note und das letzte Wort des Albums mussten allerdings positiv sein: \u201eHope\u201c \u2013 man hat den Teufel abgelegt, jetzt geht man durch eine neue T\u00fcr in ein neues Morgen, die Halluzinationen l\u00e4sst man hinter sich, man hat sie \u00fcberwunden.<br> <em><br>Sie haben die Ver\u00f6ffentlichung des Albums wegen Corona vom Fr\u00fchjahr in den August verschoben, an richtige Konzerte ist derzeit schwer zu denken. Wie geht es Ihnen damit?\u00a0<\/em><br>SOPHIE HUNGER: Ich arbeite ja auch an Soundtracks f\u00fcr Film und Fernsehen. Corona setzt mir also nicht so sehr zu wie den K\u00fcnstlerinnen, die ausschliesslich von Konzerten leben. Und ich kann nat\u00fcrlich weiterhin neue Musik schreiben. Ich w\u00fcrde fraglos sehr gerne wieder live spielen, aber das l\u00e4sst sich aktuell nicht absehen. Das ist umso schlimmer, da Musikerinnen und Musiker inzwischen fast ausschlie\u00dflich von Konzerten und Merchandising leben.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sollte und m\u00fcsste sich an dieser Situation etwas \u00e4ndern?\u00a0<br><\/em>SOPHIE HUNGER: Nun zeigt sich, dass man den Streaming-Anbietern niemals das Feld h\u00e4tte kampflos \u00fcberlassen d\u00fcrfen. Damals dachte man: Klar, Streaming ist ausbeuterisch, aber wir haben ja noch die Konzerte. Jetzt, wo Liveshows unm\u00f6glich geworden sind, zeigt sich das ganze Ausma\u00df. Alle Einnahmequellen sind nahezu komplett weggebrochen, da\u00a0 diejenigen, die die Musik herstellen, kaum etwas am Streaming verdienen. Jetzt m\u00fcsste man Druck aufbauen, damit die Streamingdienste neuen Konditionen zustimmen. Daf\u00fcr m\u00fcssten aber die gro\u00dfen Stars im Business aufstehen und mit dem Ausstieg aus den Vertr\u00e4gen drohen. Oder wir m\u00fcssen ein wenig marxistisch denken und einen eigenen, gerechten Streaming-Dienst der K\u00fcnstler aufziehen, der garantiert, dass diejenigen, die den Inhalt herstellen und finanzieren, auch den Ertrag haben. Es w\u00e4re also gut, wenn das\u00a0 Thema einige Politiker auf ihre Agenda schreiben w\u00fcrden.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">\u00a0<br><strong>Die vielfach talentierte Sophie Hunger<\/strong> <br>Sophie Hunger, mit b\u00fcrgerlichem Namen Emilie Jeanne-Sophie Welti, stammt aus Bern und ist S\u00e4ngerin, Songwriterin, Komponistin von Filmmusik und Schauspielerin. Die 37-J\u00e4hrige wuchs in der Schweiz, London und Bonn auf und ver\u00f6ffentlichte vor \u201eHalluzinationen\u201c (Caroline International) insgesamt sechs Alben, spielte erfolgreich europaweite Tourneen und trat unter anderem bei den Festivals in Montreux oder Glastonbury auf. Als Autorin schrieb sie unter anderem Kolumnen f\u00fcr \u201eDie Zeit\u201c, in Filmen wie \u201eDer Freund\u201c und \u201eThe Rules of Fire\u201c zeigte sie ihr Schauspieltalent. H\u00f6chst erfolgreich ist sie als Komponistin von Filmmusik. Der Preis f\u00fcr die beste Spielfilm-Musik wurde ihr im September 2016 in Frankreich vom Festival f\u00fcr Filmmusik \u201eDes Notes et des Toiles\u201c f\u00fcr \u201eMein Leben als Zucchini\u201c (Ma vie de courgette) zugesprochen. Nominiert war sie mit der Musik dieses mehrfach preisgekr\u00f6nten Animationsfilms unter anderem f\u00fcr den C\u00e9sar 2017 und den Schweizer Filmpreis 2017. Weitere Infos auf der Homepage der K\u00fcnstlerin unter <a href=\"http:\/\/www.sophiehunger.com\">www.sophiehunger.com<\/a>.\u00a0 <em>udo<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Sophie Hunger zum Album &#8222;Halluzinationen&#8220; Die in Berlin lebende Schweizer Musikerin Sophie Hunger z\u00e4hlt seit vielen Jahren zu den international spannendsten Songwriterinnen, da&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/udoeberl.com\/?p=267\">Lesen Sie weiter<span class=\"screen-reader-text\">Vom Finden und \u00dcberwinden<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,15],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/267"}],"collection":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=267"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/267\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":269,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/267\/revisions\/269"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/udoeberl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}