{"id":143,"date":"2018-07-20T08:10:50","date_gmt":"2018-07-20T08:10:50","guid":{"rendered":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=143"},"modified":"2018-07-20T08:10:50","modified_gmt":"2018-07-20T08:10:50","slug":"under-the-bridge-ganz-persoenlich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=143","title":{"rendered":"\u201eUnder the Bridge\u201c ganz pers\u00f6nlich\u00a0"},"content":{"rendered":"<p>Eine Projektidee ist rasch geboren, aufgeschrieben und im besten aller F\u00e4lle findet man Unterst\u00fctzer auf dem Weg zur Realisierung. In der Praxis sieht vieles dann meist ganz anders aus. \u201eUnder the Bridge\u201c, ein Projekt, das sich mit der Obdachlosigkeit und individuellen Entwurzelung entlang der Donau besch\u00e4ftigt, nahm Fahrt auf, da wurde der Strom der Fl\u00fcchtlinge immer gewaltiger. Ich musste hinterfragen, ob mein Projekt in einer solchen Situation, weltpolitisch wie emotional, noch eine wie auch immer geartete Relevanz haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ich musste es selbst erfahren &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes. Passau, Linz, Wien, Bratislava, Budapest, Belgrad. Niemand hat dort auf mich gewartet. Zun\u00e4chst gingen nur wenige T\u00fcren von Hilfsorganisationen und kirchlichen wie st\u00e4dtischen Einrichtungen auf. Ich hatte die Skepsis derer, die kontinuierlich und vertrauensvoll mit Obdachlosen arbeiten, untersch\u00e4tzt, auch meine Selbstzweifel und die verbrannte Erde, die an vielen Orten durch rei\u00dferische Berichterstattung und selten hinterfragte Newsflashs entstanden ist. Ich musste also zun\u00e4chst Vertrauensarbeit leisten, erkl\u00e4ren und noch einmal erkl\u00e4ren, dass es mir in den Fotografien und Texten nicht um die Oberfl\u00e4che geht, sondern um eine Schicht darunter, wenn nicht sogar noch eine Spur tiefer.<\/p>\n<p>Und ja &#8211; ich konnte erfahrene Sozialarbeiter und -netzwerker von meinem Projekt \u00fcberzeugen, konnte den Fu\u00df aus der T\u00fcr nehmen, die sich immer weiter \u00f6ffnete. Und so war ich tags\u00fcber und auch in etlichen N\u00e4chten mit Streetworkern, aber auch mit Obdachlosen selbst, an Pl\u00e4tzen unterwegs, die den dort Lebenden zur Zuflucht und Heimat geworden sind &#8211; Parks, Abbruchh\u00e4user, nahezu zerfallene Garagen, aus Recyclingresten zusammengeklopfte H\u00fctten, notd\u00fcrftige \u00dcberdachungen\u2026 Ich wurde eingeladen in eine br\u00fcchige Welt, durfte intensive Gespr\u00e4che f\u00fchren, die mich oftmals schlaflos machten, eine Nebenwelt kennenlernen, die deutlich vielf\u00e4ltiger ist, als die Clochard-Klischees vermuten lassen, bewegte mich zwischen tiefer Melancholie und ausgelassener Heiterkeit. Und ich durfte fotografieren &#8211; durfte sie fotografieren.<\/p>\n<p>Ich habe sie getroffen, die Junkies, die vielleicht noch ein Jahr zu leben haben, die Obdachlosen, die Jahrzehnte im selben Park verbringen und dort nicht mehr weggehen werden, die Tr\u00e4umer und die Desillusionierten, die Gezeichneten und die \u00fcberraschend vitalen Bewohner des Komfortzonen-Rands. Und auch hier ging es in erster Linie um Zeit, ums Zuh\u00f6ren, sich \u00f6ffnen, das sensible Nachhaken und Eindringen in diese fremde Dritte und Vierte Welt, die es auch in unserem reichen Europa an so vielen Orten gibt. Gespr\u00e4che mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, Englisch sprechenden Streetworkern, deutschen Brocken aus einer Vergangenheit, die nicht mehr wahr sein will &#8211; so bildete sich der erste Teil eines Mosaiks, das beim Internationalen Donaufest Ulm\/Neu-Ulm erstmals zu sehen und erfahren sein wird, und in den kommenden Jahren noch weiter wachsen soll.<\/p>\n<p>Zwei bis drei Stunden, bisweilen zwei oder drei Tage f\u00fcr ein Foto &#8211; keine Seltenheit. Nicht etwa wegen der Motivsuche oder des schwierigen Einleuchtens. Vielmehr ging es darum, dass die obdachlosen Gespr\u00e4chspartner sp\u00fcrbar bereit f\u00fcr ein Foto waren, sich \u00f6ffnen und einen authentischen Blick in ihre Gesichter oder in ihr \u201eZuhause\u201c zulassen wollten. Keines der Bilder von \u201eUnder the Bridge\u201c, auf dem Gesichter erkennbar zu sehen sind, ist ohne Einwilligung der Fotografierten entstanden und hinter fast jedem Bild steckt eine Geschichte. Genau deshalb ist \u201eUnder the Bridge\u201c f\u00fcr mich l\u00e4ngst mehr als nur ein Projekt. Ich habe mich durch die Begegnungen ver\u00e4ndert &#8211; menschlich wie auch fotografisch. Und das ist mehr, als ich jemals erwarten durfte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Udo Eberl<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\">PS: F\u00fcr November ist eine &#8222;Under the Bridge&#8220;-Ausstellung in Gotha in Planung.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Projektidee ist rasch geboren, aufgeschrieben und im besten aller F\u00e4lle findet man Unterst\u00fctzer auf dem Weg zur Realisierung. 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