{"id":132,"date":"2018-07-16T21:37:37","date_gmt":"2018-07-16T21:37:37","guid":{"rendered":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=132"},"modified":"2018-07-19T21:51:45","modified_gmt":"2018-07-19T21:51:45","slug":"im-epizentrum-des-jazz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/udoeberl.com\/?p=132","title":{"rendered":"Im Epizentrum des Jazz"},"content":{"rendered":"<p>Um die Jubil\u00e4umsausgabe der Jazzopen in Stuttgart gab es ja bereits im Vorfeld heftige Kontroversen. Der Unmut der Fans des Genres: Was haben Kraftwerk oder die Fantastischen Vier mit Jazz zu tun? Wer h\u00e4tte die Kritiker besser ruhigstellen k\u00f6nnen als Europas derzeit wohl innovativster Jazzpianist Michael Wollny. Mit seinem formidablen Trio hat er in diesem Jahr die zwei ganz herausragenden Alben \u201eOslo\u201c und Wartburg\u201c als Doppelschlag ver\u00f6ffentlicht, die Konzerte sind sowieso immer ein Ereignis. So auch bei den 25. Jazzopen.<\/p>\n<p>So unscharf der fotografische Hintergrund der B\u00fchne, so tiefenscharf die Kompositionen und Interaktionen. Jazz offen und doch nicht free. Der ewig rasante \u201ePhlegma Fighter\u201c, Wollnys neue Farbenlehre, Interpretationen unterschiedlichster Klassikst\u00fccke &#8211; Hindemith wird da schon mal zum Schlachtruf f\u00fcrs Publikum &#8211; Jazz pur und frei bewegt. Minimalistisch, expressiv, gewittrig explosiv und verinnerlicht &#8211; vor allem aber immer wieder neu klingt das. Eric Schaefer, l\u00e4ngst Deutschlands wichtigster Schlagzeuger, und Christian Weber am Bass leben live einen atemberaubenden chemischen Jazzprozess, werfen Setlists im Spiel um. Kurze Impulse bewegen alles neu. Absolute Wachheit im Kern des Momentums, zwei Stunden der h\u00f6chsten Konzentration, um solche Verwirbelungen und stets neue Wendungen und Steckverbindungen zwischen St\u00fccken aus dem Nichts entstehen zu lassen. Das begeisterte Publikum klatscht am Ende nach der Zugabe \u201eLittle Person\u201c stehend. Die drei Musiker sind klatschnass. Alles gegeben.<\/p>\n<p><em>Inzwischen hat man das Gef\u00fchl, dass Schlagzeuger Eric Schaefer Ihnen Harmoniefolgen und Melodien auf den Leib schreibt, die sie fr\u00fcher so selber komponiert h\u00e4tten.<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> In unserer Zusammenarbeit war Eric schon immer der Komponist. ich habe im Lauf der Jahre wirklich sehr viel von ihm f\u00fcr das eigene Komponieren lernen k\u00f6nnen. In der Zeit, in der ich drei St\u00fccke schreibe, schreibt er gef\u00fchlt 30. Dann werden sie geprobt, und es entsteht eine Schnittmenge. Und da sind eben auch die ganzen Abenteuer im Kopf, die wir in den vergangenen 15 Jahren gemeinsam erlebt und die uns als Band ver\u00e4ndert haben. Der gro\u00dfe Unterschied zwischen uns als Komponisten: W\u00e4hrend ich fast immer nur f\u00fcr unser Trio schreibe, komponiert Eric f\u00fcr so viel verschiedene Bands und Projekte, dass er das f\u00fcr das Wollny Trio sehr bewusst und fokussiert macht.<\/p>\n<p><em>Wo w\u00fcrden Sie denn die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung des Michael Wollny Trio in den vergangenen Jahren sehen?<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Das Material ist fluide. Wir versuchen nicht zu viel zu arrangieren, sondern wollen immer mehr in der Luft halten. Vieles soll spontan passieren. Das eigentliche Betriebsgeheimnis des Trios ist allerdings, dass wir alle so viel Unterschiedliches machen und alles immer in Bewegung ist. Es gibt ja dieses Band-Konzept, sich nur auf das eine zu konzentrieren. Das erschien uns immer viel zu eng und gef\u00e4hrlich. Unsere Musik wird durch viele, unterschiedliche Schaupl\u00e4tze in Bewegung gehalten. Auch Erics Kyoto-Projekt mit japanischen Musikern findet sich beispielsweise in ganz kleinen Dosen in unseren aktuellen St\u00fccken wieder. F\u00fcr mich ist es so, als sei man viel auf Reisen und tr\u00e4fe sich dann im Trio-Kontext und erz\u00e4hlt sich musikalisch all die Erlebnisse. Und man darf nie vergessen: Studioaufnahmen und Konzerte sind ja letztlich nur die Spitze des Eisbergs nach all den unterschiedlichen Proben und Kompositionen, die nie jemand h\u00f6ren wird.<\/p>\n<p><em>Wo sehen Sie denn Ihre eigene St\u00e4rke?<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Ganz klar: Meine St\u00e4rke liegt im Moment. Ich bekomme immer dann das Gef\u00fchl von Klarheit, Dringlichkeit, Energie und Eingebung, wenn der Moment bevorsteht oder passiert.<\/p>\n<p><em>Und wo sehen Sie Ihre Konstante am Piano und als Komponist?<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Ich liebe Dreikl\u00e4nge, einfache dreistimmige Dur- und Moll-Akkorde. F\u00fcr diese eine passende Umgebung zu finden und zu schaffen, das ist f\u00fcr mich eine konstante Suche. Diese resonanten S\u00e4ulen in immer neue Kontexte zu stellen. Musik zu finden, die nicht banal ist, aber trotzdem h\u00f6rbar. An den Grenzen der Tonalit\u00e4t zu schreiben, allerdings diese nicht zu verleugnen.<\/p>\n<p><em>\u2028Sie haben im Fr\u00fchjahr mit \u201eOslo\u201c und \u201eWartburg\u201c gleich zwei neue Alben ver\u00f6ffentlicht, die an zwei v\u00f6llig unterschiedlichen Orten entstanden sind. Wie haben sich diese R\u00e4ume auf die St\u00fccke und die Improvisationen ausgewirkt?<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> R\u00e4ume machen vieles mit einem. Die Atmosph\u00e4re, die Architektur, das Licht, nat\u00fcrlich auch die Zuh\u00f6rer. In einem Club f\u00fchlt sich das ganz anders an als in einem Theaterraum oder einer Kirche. Da ist etwas Feinstoffliches, das Einfluss nimmt. Und im Studioraum h\u00e4lt man sich sowieso in einer k\u00fcnstlichen Akustik auf. Alles klingt sehr trocken, und man h\u00f6rt die Anderen so direkt wie sonst nie. Das ist so \u00e4hnlich, als w\u00fcrde man die Musik unter einem Mikroskop wahrnehmen. Die beiden Alben leben aber zudem von der komplett unterschiedlichen Dramaturgie. Im Studio hat man seinen Tagesablauf, sein ganz bestimmten Rhythmus, konzentriert sich auf ein oder zwei Aufnahmesessions am Tag. Beim Konzert spitzt sich alles brennglasartig auf diesen zwei Stunden zu, die man mit einem fassenden Bogen gestalten will.<\/p>\n<p><em>Der Konzertort Wartburg war nat\u00fcrlich eine sehr besondere Aufnahme-Location.<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Wir traten dort im Rahmen eines Events zum 25-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um unseres Labels ACT auf. Dass am Ende eine Platte daraus entstehen w\u00fcrde, war zun\u00e4chst nicht der Plan. Wenige Minuten vor unserem Aufbau wurden bis 17 Uhr noch Touristen durch den Saal gef\u00fchrt. Aber allein der Weg in den Konzertraum durch H\u00f6fe und \u00fcber Treppen, der Blick auf die Landschaft und all das mit der Studiozeit in Oslo im R\u00fccken, die erst eine Woche zur\u00fccklag, das war schon sehr romantisch.<\/p>\n<p><em>Ein absolutes Erlebnis ist auf \u201eWartburg\u201c das Zusammenspiel mit dem Saxophonisten Emile Parisien. Ist das die Chemie des Augenblicks oder ganz einfach nur die Kraftquelle des Jazz?<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Emile ist ein unglaublicher Saxofonist, das ist ja klar. Und die Chemie stimmt. Ich wusste vor allem aber von anderen Konzerten, dass er sich sehr schnell auf Situationen einstellen kann und entsprechend improvisiert. Daher war er die erste Wahl f\u00fcr unseren Gast-Solisten. Und wieder einmal hat sich gezeigt: Manchmal ist es besser, nicht zu proben. Es gibt ja die alte Weisheit von Heinz Sauer: ,Don\u2019t Peak at Rehearsal.\u2019 Man geht mit einer besonderen Anspannung und Offenheit auf die B\u00fchne, wenn man wei\u00df, man kann den n\u00e4chsten Schritt nicht noch einmal machen.<\/p>\n<p><em>Was war die Besonderheit an den Aufnahmen in den legend\u00e4ren Rainbow Studios in Oslo, in denen bereits so viele erfolgreiche Platten entstanden sind?<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Vor allem war es f\u00fcr uns ein neuer, heller und sehr gro\u00dfer Studioraum. In Oslo arbeitet man bei Tageslicht, und wir waren dort im Herbst. Diese etwas melancholische Stimmung hat nat\u00fcrlich auch den Sound gepr\u00e4gt. Und vor allem der Toningenieur Jan Erik Kongshaug, der ja auch gerade wegen seiner ECM-Alben eine wahre Legende ist. Als Musiker bekommt man bis auf zwei Mikrofone, die er vor einem platziert, kaum etwas mit, was er da so macht \u2013 keine gro\u00dfartigen Verkabelungen oder Tricks. Am Ende klingt es doch unverkennbar nach Kongshaug, besonders auch dieser detailreiche Bass-Sound. Die Endmischung beider Alben hat dann aber Adrian von Ripka vom Tonstudio Bauer in Ludwigsburg \u00fcbernommen, der uns ja sonst immer gemischt hat \u2013 es wurde sozusagen eine zweigeteilte Einheit.<\/p>\n<p><em>Sie haben in Oslo auch mit Bl\u00e4serensemble aufgenommen? Aber auf dem Album sind gar nicht so viele gemeinsame St\u00fccke. <\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Wir hatten nie eine Platte mit Bl\u00e4sern geplant, sondern einfach erst einmal Sessions \u2013 mit dem ganzen Ensemble und allein mit dem Trio. Danach haben wir das gemischt und hatten zudem noch die Live-Takes von der Wartburg, die ja eine Woche sp\u00e4ter entstanden sind. Wegen der hervorragenden Qualit\u00e4t der Aufnahmen wurde es dann nicht leichter eine Auswahl zu treffen. Auf einmal hatten wir vier Festplatten vor uns \u2013 Trio im Studio und live, mit Ensemble und als Quartett. Als unser Produzent Siggi Loch dann vorschlug, zwei Alben zu ver\u00f6ffentlichen, war der Knoten ganz einfach gel\u00f6st.<\/p>\n<p><em>Das Ensemble-St\u00fcck \u201eThe Whiteness of the Whale\u201c haben Sie als Bonustrack ganz ans Ende des Albums gesetzt. Ich h\u00f6re dieses St\u00fcck eigentlich eher als zentrales. Da deuten sich neue kompositorische Zukunftsperspektiven f\u00fcr das Trio an.<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Ich wollte immer mal eine Platte machen, auf der nach 50 Minuten alles anders ist. \u201eThe Whiteness of the Whale\u201c setzt sich deutlich ab vom Rest der St\u00fccke auf beiden Alben. Da steckt sehr viel Ausblick drin und auch Potenzial f\u00fcr Verst\u00f6rung. Das geh\u00f6rt auch zu unserer Band. Immer dorthin schauen, wo man zuvor noch niemals war.<\/p>\n<p><em>Sie sind inzwischen Familienvater. Hat sich das auch auf ihre Musik ausgewirkt?<\/em><br \/>\n<strong>Michael Wollny:<\/strong> Man nimmt als Elternteil eine fundamental neue Rolle ein. Wenn man so nahe bei seinem Kind erleben darf, wie sich Leben entwickelt \u2013 Sprache, Kommunikation, \u00c4sthetik \u2013, bekommt man eine ganz andere Perspektive daf\u00fcr. Man lernt auch eine gewisse Gelassenheit und R\u00e4ume bewusster zu \u00f6ffnen und zu begrenzen. Mir ist zudem noch klarer geworden, dass ich nicht jedes Detail bestimmen kann, denn das birgt im Alltag mehr Konfliktpotenzial, als Entwicklungsm\u00f6glichkeiten. Und das gilt nat\u00fcrlich letztendlich auch f\u00fcr die Musik.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.swp.de\/unterhaltung\/kultur\/_meine-staerke-liegt-im-moment_-27152616.html\">Hier der Artikel im Feuilleton der S\u00fcdwest Presse<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die Jubil\u00e4umsausgabe der Jazzopen in Stuttgart gab es ja bereits im Vorfeld heftige Kontroversen. 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